Technologischer Fortschritt, neue Prioritäten in der Industrie und der demografische Wandel stellen den Arbeitsmarkt vor tiefgreifende Herausforderungen. Die Bewältigung dieser Transformationen erfordert eine resiliente Erwerbsbevölkerung. Übergangs- und Transformationsstrategien – etwa zur Einführung Künstlicher Intelligenz oder zur Anpassung an den Klimawandel – sind häufig ambitioniert.In der Praxis scheitern sie jedoch nicht selten an fehlendem oder unzureichend qualifiziertem Personal, das für ihre Umsetzung notwendig wäre.
In den vergangenen Monaten hat WifOR Institute wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Zusammenhängen zwischen Arbeitsmarktentwicklungen und sozioökonomischen Transformationsprozessen zusammengetragen. Darüber hinaus werden die gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erträge von Investitionen in Menschen, ihre Fähigkeiten und ihre langfristigen Erwerbsperspektiven analysiert. Weitere Einblicke bietet unsere Jahresendausgabe von Shape It With Data.
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Die KI-Welle wird bereits von der Erwerbsbevölkerung vorangetrieben
Die Angst durch KI ersetzt zu werden, überschattet die Tatsache, dass viele Jobs nicht verschwinden, sondern sich verändern. Beschäftigte in unterschiedlichen Branchen reagieren bereits darauf, indem sie ihre täglichen Arbeitsaufgaben anpassen und KI zur Steigerung der Effizienz einsetzen.
Darüber hinaus gibt es Aufgabenbereiche, die wahrscheinlich nicht verschwinden werden, wie ich in einem Artikel für den Tagesspiegel erläutert habe. Dazu zählen personenbezogene Berufe wie handwerkliche Tätigkeiten und Pflegeberufe sowie Arbeitsplätze, die sich mit Automatisierungen selbst befassen.
Den Arbeitsmarkt aus der Perspektive der Arbeitnehmer:innen betrachten
Die Analyse traditioneller Indikatoren wie Beschäftigungszahlen reicht nicht aus, um die Entwicklung des Arbeitsmarktes umfassend zu beurteilen. Zusätzlich müssen wir andere Faktoren identifizieren, die sich auf die Leistung, die Chancen und die Zufriedenheit der Arbeitnehmer:innen auswirken: Krankheitstage, Bindung an den Arbeitsplatz, Möglichkeiten der Eingliederung in den Arbeitsmarkt, Reallöhne und so weiter.
Der FRAX-Index von WifOR bildet dieses umfassende Bild ab. Die aktuellen Daten für das zweite Quartal in Deutschland zeigen, dass trotz weiter steigender Arbeitslosigkeit, höhere Löhne und eine zunehmende Bindung der Beschäftigten an ihre Unternehmen negative Trends ausgleichen.
Die Energiewende ist nur mit ausreichend qualifizierten Fachkräften möglich
Die Umstellung der Energiequellen in großem Maßstab erfordert spezialisierte Arbeitskräfte – doch angesichts des Arbeitskräftemangels erweist es sich bereits jetzt als schwierig, diese zu finden und angemessen auszubilden.
Diese Herausforderungen werden in einer aktuellen WifOR-Studie deutlich, die die Ausbaupläne für den Wasserstoffsektor in Ostdeutschland analysiert. Obwohl Projektvolumen und Marktpotenzial weiter wachsen, bleibt die Zahl der Berufseinsteiger:innen in chemiebezogenen Berufen konstant – was zu unbesetzten Stellen führt. Lösungsansätze liegen in besseren Weiter- und Umschulungsmöglichkeiten, attraktiveren Karrierewegen, klareren regulatorischen Rahmenbedingungen sowie stärkeren regionalen Netzwerken.
Arbeitskräftemangel bewältigen und Gesundheit sichern
Ein zentraler Transformationsfaktor wirkt sich derzeit besonders stark auf Europa aus: der demografische Wandel. Mit dem Eintritt der Babyboomer-Generation in den Ruhestand schrumpft die Erwerbsbevölkerung, was in vielen Organisationen zu personellen Engpässen führt.
Ein Beispiel für dieses Phänomen ist der Gesundheitssektor, in dem bis 2030 in der EU ein Mangel von 4,1 Millionen Arbeitskräften erwartet wird (Quelle: WHO). WifOR hat diesen Personalmangel auch regional untersucht. In Hamburg könnte beispielsweise bis 2040 jede achte Stelle im Gesundheitswesen unbesetzt bleiben. Diese Lücken lassen sich nicht allein durch zusätzliche Arbeitskräfte schließen, sondern erfordern systemische Maßnahmen wie den Abbau bürokratischer Hürden und die Steigerung der Attraktivität von Arbeitgeber:innen und Regionen.
Gesundheit wirkt sich zudem unmittelbar auf andere Wirtschaftsbereiche aus. Gesunde Beschäftigte sind produktiver und können einen Teil der durch den Arbeitskräftemangel entstehenden Herausforderungen abfedern. Sie fehlen seltener bei der Arbeit, verbleiben länger im Erwerbsleben und passen sich schneller an Veränderungen ihres beruflichen Umfelds an.
Die Erwerbsbevölkerung steht im Zentrum der Transformation
Ob bei der Einführung neuer Technologien, der Entwicklung wachsender Branchen oder dem Erwerb zentraler Kompetenzen – Arbeitnehmer:innen sind der zentrale Faktor sozioökonomischer Transformationen. Die Erkenntnisse von WifOR verdeutlichen diese Zusammenhänge und liefern Daten für zielgerichtete Strategien im Bereich des Arbeitsmarkts und für politische Entscheidungsprozesse.
Investitionen in Beschäftigte – in ihr Wissen, ihre Gesundheit und ihre Perspektiven – sind entscheidend, um Personalengpässe zu schließen und eine widerstandsfähigere Zukunft für Wirtschaft und Gesellschaft zu sichern.
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