Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen: Der "Social Impact" medizinischer Innovationen

Was ist unsere Gesundheit wert? In öffentlichen Debatten dominiert das Narrativ, dass ein hochwertiges Gesundheitssystem mit hohen Kosten verbunden sei. Dies führt zu einer Fokussierung auf den Preis, während die gesellschaftliche Perspektive oft unterschätzt wird. In sogenannten „Social Impact“-Studien zielt WifOR darauf ab, die Diskussion von den Kosten medizinischer Innovationen auf deren sozioökonomischen Wert zu verlagern. In diesem Artikel erfahren Sie mehr über die Bedeutung der sozioökonomischen Perspektive, wie WifOR den Social Impact medizinischer Innovationen berechnet und welche Erkenntnisse das Modell liefert.  

Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen: So lässt sich der Social Impact medizinischer Innovationen messen

Gereizte Augen, ständige Niesattacken und Sinusdruck: Allergische Rhinitis (AR), allgemein auch als allergischer Schnupfen bekannt, ist eine Reaktion der Atemwege auf bestimmte Pflanzenpollen in der Luft. Sie zählt zu den häufigsten allergisch bedingten chronischen Atemwegserkrankungen weltweit. Im Jahr 2019 waren 38,8 Prozent der Gesamtbevölkerung Japans von einer durch japanische Zedernpollen verursachten AR, auch japanische Zedernpollinose genannt, betroffen. Die Krankheit schränkt nicht nur die Lebensqualität der Patient:innen ein, sondern hat auch reale wirtschaftliche Folgen: In Japan bedeutet dies einen jährlichen Produktivitätsverlust von 26,1 Millionen US-Dollar (USD) – durchschnittlich 1.522 USD je Patient:in.

Sozioökonomische Krankheitslast  

Neben der Prävalenz und Inzidenz ist die sozioökonomischen Krankheitslast ein bedeutender Indikator für die Tragweite einer Krankheit für die Gesellschaft. Hier berücksichtigt WifOR unter anderem die Veränderungen in der bezahlten und unbezahlten Produktivität sowohl der Patient:innen als auch der Pflegenden. Die unbezahlte Arbeit umfasst beispielsweise Kinderbetreuung, Hausarbeit oder die Pflege von Angehörigen. Die Ergebnisse der sozioökonomischen Krankheitslast können zusätzlich für die Messung des Social Impacts einer medizinischen Innovation dienen

Social Impact: Definition

Mit dem Social Impact medizinischer Innovationen misst WifOR den gesamtgesellschaftlichen Nutzen in Bezug auf Gesundheit, Produktivität und Wertschöpfung. Der Social Impact wird in Form von vermiedenen Produktivitätsverlusten ausgedrückt, die ohne eine medizinische Innovation eingetreten wären. Beispielsweise kann ein Medikament gegen allergische Rhinitis chronisch kranken Patient:innen ermöglichen, weiterhin zu arbeiten und ihren täglichen Aktivitäten nachzugehen. 

So zeigen die Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten WifOR-Studie, dass der humanisierte monoklonale Anti-Immunglobulin E (IgE)-Antikörper „Omalizumab“ die Krankheitslast der Japanischen Zedernpollinose deutlich senken kann. Omalizumab hat das Potenzial 37 Millionen Stunden an ausgefallener bezahlter und unbezahlter Arbeit zu reduzieren. Für eine Patientin oder einen Patienten bedeutet dies 24,6 Stunden ohne Symptome während der dreiwöchigen Phase mit starkem Pollenflug. Dies entspricht 22 Millionen bezahlten und 15 Millionen unbezahlten Arbeitsstunden pro Jahr und einem potenziell vermiedenen Produktivitätsverlust von 728,3 Millionen USD – 490 USD pro Patient:in. 

Wie lässt sich der Social Impact medizinischer Innovationen messen?

Um den Social Impact einer medizinischen Innovation zu messen, quantifiziert WifOR im ersten Schritt, inwieweit ein Patient oder eine Patientin durch eine Krankheit belastet ist und in welchem Umfang eine medizinische Innovation die Beeinträchtigung verringert. Dazu verwendet WifOR beispielsweise von Patient:innen berichtete Ergebnisse (siehe auch Patient-reported Outcome) und standardisierte Fragebögen (WPAIs).   

In einem zweiten Schritt errechnet WifOR den durch eine medizinische Innovation entstanden Produktivitätsgewinn. Dieser bezieht sich zum einen auf bezahlte Arbeitsstunden und zum anderen auf die der unbezahlten Arbeit wie beispielsweise Kinderbetreuung oder Hausarbeit. Anschließend passt WifOR die Durchschnittswerte an die Alters- und Geschlechtsverteilung der Patient:innenpopulation an. 

Im letzten Schritt monetarisiert WifOR den vermiedenen Zeitverlust. Ausgehend von der Prämisse, dass der Zugewinn an bezahlten und unbezahlten Stunden ein Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft ist, werden die Effekte medizinischer Innovationen als Wohlfahrtsgewinn interpretiert. WifOR berechnet diesen Wohlfahrtsgewinn mit der Einheit Bruttowertschöpfung (BWS) pro Stunde.  

Der sozioökonomische Nutzen einer medizinischen Innovation:

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Neue Perspektiven für die Definition medizinischer Innovationen

Mithilfe des Social-Impact-Ansatzes können die verringerten Produktivitätsverluste durch bezahlte und unbezahlte Arbeit gemessen werden. Dies kann dazu beitragen, den Fokus der verschiedenen Stakeholder von den Kosten auf den Wert medizinischer Innovationen zu verlagern. Social-Impact-Analysen zeigen, dass Gesundheitsinvestitionen einen Wert schaffen, der sich in wirtschaftlichen Größen messen lässt. Zahlreiche WifOR-Studien zeigen, dass Gesundheitsinvestitionen wertstiftend sind, indem sie Beschäftigung, Wachstum, Innovation und insbesondere eine gesündere Bevölkerung fördern.

In der Studie „Social Impact of innovative medicines“ erhalten Sie unter anderem Einblicke in aktuelle Analysemethoden, die in Health Technology Assessments (HTAs) genutzt werden, den Social-Impact-Ansatz, sowie eine Fallstudie am Beispiel des Medikaments Aimovig®. Diese können Sie hier herunterladen:  

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